GO EUN IM - "NO(W)HERE"
Mit dem Verschwimmen von Gesehenem und Gesehenwerden spielt auch die Arbeit "No(w)here" des in Amsterdam lebenden südkoreanischen Künstlers Go Eun Im. ‚Nirgends' oder einfach ‚nicht hier'? Die originale, aber spiegelbildlich in einen Bilderrahmen montierte Inskription wird verdoppelt, indem sie von einer Videokamera aufgenommen und mittels Projektor direkt daneben als leicht verkleinertes Double versetzt - aber ins Lesbare verkehrt - an die Wand geworfen wird. Wird die Kopie als das Original empfunden, weil sie nun das Verständnis ermöglicht? Wird die Medialisierung in Echtzeit, die in ihrer potentiellen Umkehrung des real Eingefangenen den Schein zum Sein macht, vorgezogen? Das unlesbare Eigentliche wird im Nirgendwo der Übertragung zur Botschaft.
Doch ob beabsichtigt oder nicht - Go Eun Im's konzeptuelle Installation mag in ihrer Wortwahl auf eine ganz andere Umkehrung verweisen: Samuel Butler lässt 1872 seine dystopische Satire auf das viktorianische England in einem Land Namens Erewhon spielen, in dem künstliche Sprachfloskeln die Realität beherrschen und Geldgeschäfte zur Ersatzreligion werden. Nun suggeriert der Aufbau der Arbeit weiterhin eine gewisse Nähe zu den Videoskulpturen von Go Eun Im's Landsmann und Leitfigur der Videokunst Nam June Paik, insbesondere dessen "TV Buddha" und "TV Rodin". In beiden sitzen entweder Buddha oder Rodin's Denker einem Monitor gegenüber. Eine dahinter aufgestellte Videokamera nimmt die Statuen frontal auf und läßt sie wiederum auf dem Monitor erscheinen. Buddha meditiert also vor seinem Abbild statt im Nichts vor einer weissen Wand, während der melancholische Denker wie vom Fernsehmedium betäubt scheint. Kulturunterschiede versickern in den technologischen Universalmedien. Go Eun Im's "No(w)here" dreht diese Spirale eine Umdrehung weiter.
EIN ARTIKEL VON JENS HAUSER
http://www.arte.tv/de/Kultur-entdecken/kultur-digital/2602848.html
